In Rom klauen Langfinger besser
Kampala. Wir waren übers Wochenende in der Hauptstadt und
nun auf dem Weg zum Taxipark um nach Hause zu fahren. Gerade sind wir zwischen
zwei Autos über eine Kreuzung, es war nicht sonderlich belebt. Aber ich hab
etwas an meinem kleinen Rucksack gespürt. Ein Griff nach hinten ließ mich
schocken- der Reißverschluss war offen! Mein Hirn war schnell und ich wusste,
dass da gerade jemand mein Handy rausgefischt haben muss. Mein Blick fiel
direkt auf den Taschendieb, der mich anschaute. Nach einem „Julian!“ machte ich
einen schnellen Schritt nach vorne und der Dieb begann zu rennen. Direkt spürte
ich aber, dass das meinen verletzten Knie nicht soo gut gefallen hat. Aus dem
Augenwinkel sah ich Julian lossprinten. Der Dieb hatte mittlerweile locker
5-10m Vorsprung, aber ich weiß ja wie schnell mein Julian ist. Der hat nur aus
voller Kehle geschrien „Stop this man! STOP THIS MAN“. Julian hatte die
Aufmerksamkeit aller Menschen um uns herum und man versuchte den Dieb
aufzuhalten. Die Ugander waren aber nicht so erfolgreich. Nach ca. 30m
Vollsprint hatte Julian den jungen Ugander (er war ungefähr so alt wie wir)
eingeholt und an der Schulter herumgerissen. Ich hab das genau von guten 10m Abstand
beobachtet. Die Angst in dem Blick des Diebes war unverkennbar. Er wollte
Julian das Handy wieder geben, ließ es aber fallen, weil andere Ugander auf ihn
zukamen. Also rannte er wieder los. Zurück in die Richtung aus der er gekommen
war. Aber da war ich. Ich war wütend, wollte ihn stellen, ihn anbrüllen. Ich
musste nur ein paar Schritte zur Seite gehen, und er lief mir in die Arme. Ich
hab ihn am Kragen gepackt, herumgeschleudert und gegen eine Hauswand gedrückt.
Meinen Griff habe ich nicht losgelassen. Da er genauso groß war wie ich konnte
ich ihm direkt in die Augen sehen. Angeschrieen hab ich ihn und geschüttelt.
Sekunden später war Julian da und dann die ersten Leute. Sie begannen ihn zu
beschimpfen und ihm auf den Kopf zu schlagen. Julian zog mich aus dem Mob, der
sich gebildet hatte. „Sie haben gesagt, wir sollen ganz schnell hier weg.“ Wir
sind aus der Menschentraube gestolpert. Viel gesehen hab ich nicht, nur dass
Leute aus dem Mob auf den Dieb einprügelten und ihn traten. Schnell kamen
Sicherheitsleute, die den verängstigten Dieb im Polizeigriff wegbrachten. Ganz ganz
viele Leute sprachen uns an, fragten ob wir ok seien, was der Typ zu stehlen
versucht hatte und ob wir es zurück haben. Sie waren verblüfft wie Julian
reagiert hatte und wie schnell er gerannt ist. Auch ich erntete Lob für meinen
Mut. Mutig fühle ich mich bis jetzt nicht; ich war einfach nur stinksauer.
Später überholten uns die Sicherheitsleute mit dem Dieb noch
einmal. Er hatte eine riesen Platzwunde am Kopf. Es war kein schönes Gefühl das
so zu sehen und im Nachhinein noch schlimmer. Uns wurde erklärt, dass der Mob
den Dieb totgeprügelt hätte, wenn die Sicherheitsleute ihn nicht aus der aggressiven Menschenmenge befreit hätten. „Man mag in Kampala keine Kriminellen“ sagte man uns. Ich kann es bis jetzt noch nicht fassen, dass die Gesellschaft
so reagieren kann… Generell waren Julian und ich fertig mit den Nerven, als das
alles vorbei war und es dauerte etwas bis unsere Beine uns wieder richtig tragen
wollten. Wir beide haben geschwitzt und
waren plötzlich total müde. Kein Wunder bei der ganzen Aufregung.
Zumindest wird der Typ jetzt zur Polizei gebracht, ob und wie
er dort bestraft wird, wissen wir nicht und ich will es auch gar nicht wissen. Ich
bin mir ziemlich sicher, ich bin mit jeder Entscheidung die dort getroffen
wird, unzufrieden.
Anne
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